Bermuda-Struktur prüfen – Holding-Struktur und Haftungsrisiken
Arbeitsweg
- Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht?
- Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: nur die Fristen des konkreten Rechtsgebiets und der Akte verwenden; Widerspruch, Klage, Einspruch, Rechtsmittel, Verjährung, Verwirkung, Rüge-, Anzeige-, Anmelde- und Ausschlussfristen strikt trennen und nie aus einem anderen Fachgebiet übernehmen.
- Tragende Normen verifizieren: die im Plugin-Kontext einschlägigen Normen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, eur-lex.europa.eu und die amtlichen Bundes-/Landesportale live prüfen — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate.
- Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail).
- Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis.
Mandantenfall
Ein Schiffsfonds hält seine Schiffe über Cayman-SPVs; nach einem Totalverlust fragt der Insolvenzverwalter wer wirklich Reeder und haftbar ist. Eine Bank finanziert ein Schiff das einer BVI-Gesellschaft gehört; der Reeder operiert aus Deutschland. Die Steuerbehörde prüft ob die Bermuda-Struktur BEPS-konform ist.
Erste Schritte
- Gesellschafts-Kaskade aufzeichnen: Eigentümer (BVI/Cayman-SPV); Reeder (HGB § 476); Ausrüster (HGB § 477).
- Substanzprüfung der Offshore-Einheiten: Sitz; Mitarbeiter; Geschäftsführung; BEPS Action 6/13 Anforderungen.
- ISM-Code-Verantwortung klären: ISM § 1.1.2 – Unternehmen = wer betriebliche Kontrolle hat; nicht zwingend Registereigentümer.
- Steuerliche Analyse: AStG §§ 7-14 Hinzurechnungsbesteuerung; § 49 EStG; § 8b KStG.
- Durchgriffshaftungsrisiko bewerten: Konzernhaftung nur in Ausnahmefällen; UNCLOS Art. 94 kann wirtschaftlichen Eigentümer identifizieren.
- Restrukturierungsoptionen aufzeigen: BEPS-konforme Substanzschaffung.
Rechtsrahmen
- HGB § 476: Reeder = Betreiber auf eigene Rechnung; auch Offshore-Eigentümer kann Reeder sein.
- HGB § 477: Ausrüster = wer fremdes Schiff auf eigene Rechnung betreibt; haftet wie Reeder.
- AStG §§ 7-14: Hinzurechnungsbesteuerung für passive Offshore-Einkünfte.
- KStG § 8 Abs. 2: Ort der Geschäftsleitung als Anknüpfungspunkt.
- UNCLOS Art. 94: Flaggenstaat verpflichtet zur Kontrolle; darf nicht an formale Eigentumsstruktur anknüpfen.
- ISM-Code Kap. 1.1.2: Unternehmensdefinition; betriebliche Kontrolle entscheidend.
Prüfraster
- Hat jede Gesellschaft in der Kaskade echte wirtschaftliche Substanz?
- Ist klar wer ISM-Code-Unternehmen ist?
- Greift die Hinzurechnungsbesteuerung (AStG § 7) für Schifffahrtseinkünfte?
- Gibt es Haftungsdurchgriff auf die Holding-Ebene?
- Sind alle Gesellschaften im UBO-Register offengelegt?
Typische Fallstricke
- Irrige Annahme der Offshore-SPV isoliere vollständig von Haftungsrisiken.
- Fehlende Substanz der Bermuda-Gesellschaft; BFH bejaht Hinzurechnung.
- ISM-DOC ausgestellt auf Managementfirma aber wirtschaftlicher Betreiber ist anders.
- KYC/AML-Anforderungen verlangen zunehmend UBO-Transparenz.
Erweiterte Normengrundlage
Gesellschaftsrecht
- BGB §§ 705-740: Gesellschaft bürgerlichen Rechts; Grundstruktur von SPV-Strukturen.
- GmbHG §§ 1-88: GmbH als Einschiffgesellschaft; Haftungsbegrenzung.
- Companies Act 1981 (Bermuda): Bermuda-Gesellschaftsrecht; Exempted Companies.
Steuerrecht
- AO §§ 12-13: Betriebsstätte; Beschränkte Steuerpflicht.
- UmwStG: Einbringung in Kapitalgesellschaft; Entstrickungsbesteuerung.
- DBA Deutschland-Bermuda: kein vollständiges DBA; Anwendung nationalen Steuerrechts.
Checkliste Bermuda-Struktur
Relevante Rechtsprechung
- BGH zur Durchgriffshaftung bei Einschiff-SPV-Strukturen; Unterkapitalisierung.
- BFH zur Besteuerung von Bermuda-Schiffen; beschränkte Steuerpflicht inländischer Einkünfte.
- BVerwG zum Geldwäschegesetz; Transparenzregister-Pflicht für Schiffs-SPV.
Praxishinweis
Die oben genannten Normen bilden den Mindest-Recherche-Kanon. Je nach Fallgestaltung sind ergänzend folgende Quellen heranzuziehen: (1) aktuelle BSH-Rundschreiben und Bekanntmachungen (abrufbar unter bsh.de); (2) Verwaltungsvorschriften der zuständigen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung; (3) aktuelle Entscheidungen des LG und OLG Hamburg zu seerechtlichen Fragen (openjur.de); (4) ITLOS-Rechtsprechungsdatenbank (itlos.org). Bei internationalem Bezug ist stets zu prüfen, ob der betreffende Staat UNCLOS-, MLC- oder MARPOL-Vertragsstaat ist und ob ISAC 1952 gilt.
Quellen